Das Unheil, das aus dem Ausland kam
Die neue Testcard reist auf Trampelpfaden und verschlungenen Wegen durchs Land of the Free.

Den Geschehnissen vom 11. September 2001 wurde im amerikanischen Englisch ein griffiger Name gegeben: 9/11. Eine Kryptik bestehend aus Zahl Schrägstrich Zahl, zunächst nichts verratend und doch zugleich ein boiling und tipping point für die Betroffenen. Doch wer waren die Betroffenen? Die Menschen, die in den Trümmern eines Hochhauses durch einen Terroranschlag umkamen? Diese und deren Angehörige? Der Logik der Bush-Regierung folgend die gesamte freie Welt? Oder, um mit unserer Regierung zu sprechen, waren wir alle Amerikaner, auf einen Schlag, ohne eigenes Zutun?
Schnell wendete sich das Blatt, der dummstumpfe Amerikanismus der Konservativen wurde abgelöst durch einen nicht minder kurzsichtigen Anti-Amerikanismus der Linken, die erstaunlicherweise gar nicht mehr so weit der Rechten entfernt scheint. Da waren sie wieder, die alten Vorbehalte: “Kulturimperialismus”, “McDonaldisierung”, “der dumme Amerikaner”.
Die neue Testcard befasst sich mit dem anderen Amerika, das Amerika des Rock’n’Roll, der Gender Studies, der Riot Grrrls, der Subkulturen und hinterfragt dabei unseren eurozentrischen Blickpunkt. Jens Thomas betrachtet in seinem einleitenden Text die Ursachen und Folgen des Anti-Amerikanismus und zeigt auf, dass es sich keineswegs um eine neue Form der Xenophobie handelt. Die Stereotypen seien bis in die Zeit der Romantik verfolgbar, auch wenn der ausgeprägte Anti-Amerikanismus “erst mit dem Ersten Welktkrieg” aufkeime. Dass Anti-Amerikanismus auch von Amerikanern ausgehen kann, beschreibt Oliver Uschmann in seinen “Beobachtungen zum amerikanischen Aufstand gegen George W. Bush”. Er betrachtet dort die zahlreichen Wahlinitiativen contra Bush, die zum Teil auch aus dem Punk- und Hardcore-Umfeld hervorgehen, und die vor allem durch laute Parolen auf sich aufmerksam machten. Uschmann plädiert dafür, den “Bedrohungen der Gegenwart” mit “Zerbrechlichkeit, Vieldeutigkeit, Eigensinn und bewusster ‘Schwäche’” gegenüberzutreten, um den “Willen zur Macht” explizit zu verneinen. Es stellt sich die Frage, ob auf diesem Weg (Buddha und Christus werden zitiert) die Massen mobilisierbar sind oder ob es nicht doch einen dritten Weg zwischen “Austreten aus der Differenz” und plump-lautem Schreien gibt.
Die Politik zieht sich als naturgemäß roter Faden auch durch die restlichen – erfreulich heterogenen – Texte. Da finden sich Artikel über das Vietnamtrauma im Horrorfilm neben solchen über Neozapatismus und Popkultur. Ein enger Themenhorizont wäre das letzte, das man den Machern vorwerfen kann.
Schade nur, dass die Testcard leider noch immer sehr akademisch rüberkommt: Ausufernde Fußnoten, grausiges Layout, noch grausigere Typo und bisweilen arg akademisierender Duktus sind alles keine Appetitanreger für den Leser jenseits der Uni. Auch die nach hinten verschobenen Film-, Buch- und Plattenrezensionen wirken disparat. Kurze 50-Zeiler über Bright Eyes oder The Polyphonic Spree kann man auch woanders lesen. Hier wünschte man sich dann eher themenbezogene Kritiken. Warum nicht die Propaghandi-Platte besprechen, die Oliver Uschmann in seinem Text erwähnte? Oder den Riot Grrrls-Aufsatz durch Kritiken von Bikini Kill-Alben ergänzen?
Dennoch: Die Testcard ist (wieder!) eine ausserordentlich kluge und anregende Sammlung geworden, der man es keinen Moment übelnimmt, nie “America in general” in den Fokus zu nehmen, sondern immer nur das punktuell neben der Spur liegende.
Martin Büsser (Hrsg.) : Testcard #14 “Discover America”
Taschenbuch, 304 Seiten
2005, Ventil Verlag
€ 14,50
Weitere Informationen, Inhaltsverzeichnis und Editorial:
www.testcard.de/tc14.html


