Bloß kein Eskapismus
Tilman Rammstedts neuer Roman “Wir bleiben in der Nähe”
”... dass wir uns nie entschieden haben, dass wir immer nur in alles hineingestolpert sind.”
Aus dem literarischen Topos einer Ménage à trois lassen sich spannende Geschichten entwickeln. Von Hemingways Catherine, Marita und David bis hin zu Tuffauts Catherine, Jules und Jim ergeben sich aus dem Sujet einer Dreiecksbeziehung Konstellationen, die gruppendynamische Komplikationen versprechen. Felix sieht das anders: “Ein Dreieck ist schließlich kein sehr gewagtes geometrisches Gebilde.”
Felix ist Kinderarzt, tut also qua Berufung Gutes. Er arbeitet in einer fortschrittlichen Reformklinik zusammen mit Kollegen, die ihn schätzen. Er verdient nicht schlecht. Es könnte ihm gut gehen. Vor Jahren führte er eine Beziehung mit Katharina (natürlich, wie soll sie auch sonst heissen?), die mit seinem besten Freund Konrad liiert war. Konrad ist der die Blaupause des Typs Moderner Slacker. Seine Brötchen verdient er als Ghostwriter für akademische Arbeiten. Hauptberufliches Betrügen. Zuvor hat er an der Uni Wirtschaftsseminare gehalten, die ebenso Betrug waren. Niemand kam ihm auf die Schliche. Er konnte sich halt so durchschlängeln. Und dieses Durchschlängeln wird zum Hauptmotiv der Geschichte. Es wird gestolpert, geschlittert, ausgerutscht und immer wieder sich erhoben und weitergemacht, immer weiter, irgendwie.
Nachdem Felix von Katherina, die er seit Jahren nicht gesehen hat, eine Einladung zu ihrer Hochzeit erhält, reiß er sich zusammen und ruft Konrad an. Man berät sich. Was nun zu tun sei, das gehe doch nicht, einfach so heiraten, nein, man müsse etwas tun, einschreiten. Und bevor Konrad sich versieht, schleift Felix ihn auch schon zum Bahnhof. Auf zu Katharina, ein Besuch nur, man könne ja mal reden, man werde dann schon sehen. Und hier setzt das große Schlittern ein. Eines führt zum nächsten, bei Katharina einquartiert, entschließen sich die beiden, sie zu entführen. Was so nacherzählt sich konstruiert und verkrampft anhört, vermittelt Rammstedt mit so viel einfühlsamen Humor, dass einem der Entschluss zur Entführung, bloß zwangsläufig und logisch erscheint. Die beiden verfrachten die betäubte Katherina in ihr Auto und fahren in ein kleines französisches Dorf, in dem Korads Bruder ein Ferienhaus unterhält. Man bricht ein, richtet sich ein, und kommt doch nie dort an, wo man hin will. Da sitzen die drei nun im verregneten französischen Herbst, auf sich selbst zurückgeworfen, gezwungen, aus der verfahrenen Situation das Beste zu machen.
Die Ménage à trois ermöglicht es dem Autor, den drei tatsächlich handelnden Personen eine vierte hinzuzufügen: Das Wir – immer wieder als running gag in der Form “Wir könnten ganz von vorne anfangen”, “Wir könnten uns bemühen” etc. eingesetzt – wird zur eigenständigen überpersonalen Figur, der durch Felix eine Stimme gegeben wird. Und in den besten Momenten des Buches nimmt der Leser diese vierte Figur als selbstverständlich an, folgt Felix in dem Glauben, dass es sich um sie zu kämpfen lohne.
Obschon Konrad gleich mehrmals, wie als Bannspruch “Bloß kein Eskapismus” postuliert, ist es vollkommen klar, dass die beiden eben doch fliehen. Und sich letztlich verfangen in dem vergeblichen Versuch, die Welt in ihr System zu zwängen.
Rammstedts Roman ist ein trauriger Abgesang auf eine Männerfreundschaft, auf die Liebe und gleichzeitig ein sehr genau beobachtendes Porträt einer zerbrechenden Clique, deren Freundschaft dennoch (vielleicht? bestimmt?) anhalten wird. Denn welch schöneres Kompliment kann man Freunden machen als dieses: “das Gefühl bei all dem Falschmachen, es wenigstens mit den richtigen Menschen falsch zu machen.”
Tilman Rammstedt : Wir bleiben in der Nähe
Gebunden, 237 Seiten
2005, DuMont Literatur und Kunst Verlag
€ 14,50
Weitere Informationen und Leseprobe:
http://www.dumont-redaktion.de


