Verliebte Narren
Gewaltige Wortsalven entladen sich über einem Pariser Vorort: In “L’Esquive” wird über Theater und Liebe gestritten.
“Amuse toi!” schreit sie, die Lehrerin gerät in Rage. Es ist die Probe eines Theaterstücks von Marivaux, das in Kürze vor versammelter Elternschaft vorgeführt werden soll. – Und da steht ein Junge auf der Bühne, der den Text unverständlich nuschelt, Textbrocken verschluckt, nicht agiert, nicht spielt, sondern seine Zeilen schnell herunterleiert. Dass es ihm unangenehm ist, auf der angedeuteten Bühne im Klassenzimmer zu stehen, ist nicht zu übersehen. Dass die Lehrerin jedoch allmählich die Geduld verliert, ist nur verständlich, dem Zuschauer geht es ebenso.
Trotz seiner Schüchternheit hat sich Krimo das Narrenkostüm unter den Nagel gerissen, und wird so gleich zum zweifachen Arlecchino: Das bunte Trikot kann nicht über Krimos introvertierte Art hinwegtäuschen; der Plan des schüchternen – und verliebten – Jungen schien so einfach: “spielerisch” das Herz seiner temperamentvollen Mitschülerin zu erobern, was sich jedoch als Pleite entpuppt. Die Angebetete, Lydia, will von Krimos Offenbarungen nichts hören, ist sie doch mit ihren Freundinnen damit beschäftigt, sich fluchend und streitend in ihre Rolle einzufühlen. Da sie darüber hinaus nicht weiß, wie sie auf Krimos Annäherungen reagieren soll, drückt sie sich vor einer Entscheidung – während alle anderen eine klare Meinung zu diesem Thema haben. “L’Esquive” bedeutet so viel wie “kneifen”, und das gilt für alle beide, für Lydia und Krimo. Großartig intensive Wortgefechte entladen sich über der Sozialsiedlung in der Nähe von Paris. Drogen und Verbrechen spielen hier, wie es für die Kulisse typisch wäre, keine Hauptrolle (wenn der Polizei auch ein faszinierender Einsatz beschert wird); in der Vorstadt, die Abdellatif Kechiche mit seiner tragikomischen Komödie skizziert, sind Liebe und Theater die entscheidenden Themen. Die jungen Laiendarsteller begeistern mit der Intensität, Spontaneität und Glaubwürdigkeit ihres Spiels. Bei der Verleihung des “César” 2005 wurde dies ähnlich gesehen und die Komödie vierfach ausgezeichnet.
L’esquive
F 2003
Regie: Abdellatif Kechiche
Mit Osman Elkharraz, Sara Forestier, Sabrina Quazani
Verleih: Filmladen
117 Minuten
Derzeit in Österreich im Kino


