Kant, Wurst und Sterne
Daniel Kehlmann – Meister des Dialogs und ironischen Untertons – vermisst in seinem neuen Roman die Welt der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.

Keinen geringeren als den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und Allround-Naturforscher Alexander von Humboldt hat sich der Autor Daniel Kehlmann in “Die Vermessung der Welt” vorgenommen und mit ihnen ist auch der dezent ironische Erzählton zurück, der bereits in Kehlmanns letztem Roman “Ich und Kaminski” für feuilletonistischen Jubel gesorgt hat. In einem eng verwobenen Netz von Fiktion und biographischer Detailversessenheit wird das Leben zweier Genies zugleich nachvollzogen und neu interpretiert. “Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen”, das rät auch der berühmte Physiker Marcus Herz den Humboldt-Geschwistern Wilhelm und Alexander am Anfang des Romans. Kapitelweise wechselt Kehlmanns Erzähler zwischen dem stets übellaunigen, aber dennoch leidenschaftlichen Gauß, der sein Leben lang Deutschland nicht verlässt, und dem humorlosen Asket Humboldt, der in dieser Zeit die Neue Welt erforscht. Erforschen ist allerdings ein recht unpräziser Ausdruck für die wissenschaftliche Akribie, mit der die beiden unterschiedlichen Pioniere vorgehen. Sie vermessen in der Tat – jeder auf seine Weise die Welt und dies eigentlich eher unerschrocken und aus dem Drang heraus, Großes zu leisten: Gauß, der bereits mit neun Jahren bei einer Heißluftballonfahrt die Erdkrümmung mathematisch erfasst und während seiner Hochzeitsnacht eine Formel für die Messung der Planetenbahn entwickelt, Humboldt, der zusammen mit seinem treuen, aber einfaltslosen Gefährten Bonpland die Missionare im Amazonasgebiet besucht und Zentimeter um Zentimeter des bereisten Landes vermisst. Die Kapitelüberschriften “Die Reise”, “Der Fluß” oder “Der Lehrer” werden dabei zu einer genretypischen Landkarte, die an die Gattung des Abenteuerromans erinnert. Am Ende treffen die beiden alternden Kauze im vorrevolutionären Berlin zusammen. Die politischen Verhältnisse des beginnenden 19. Jahrhunderts, die die napoleonische Ära um die Jahrhundertwende, die Kolonialzeit und den Vormärz umfassen, spielen bei der Vermessung der Welt ebenso eine Rolle, wie der philosophische und weltanschauliche Zeitgeist, den Humboldt vor dem Deutschen Naturforscherkongress den “Blitzschlag der Vernunft” nennt.
Mit seiner Dialogführung knüpft Kehlmann an seine erzählerische Verfahrensweise aus “Ich und Kaminski” an, die hier mit der indirekten – also vom Erzähler gefilterten – Rede geradezu komisch-absurde Situationen schafft: Etwa, wenn Humboldt das bekannte Gedicht “Wanderers Nachtlied” von Goethe wiedergibt, welches bei ihm dann im Konjunktiv ganz schnöde damit endet, dass man bald tot sein werde. Oder, wenn Gauß den für seine Verhältnisse unzumutbar langen Weg nach Königsberg unternimmt, um dem greisenhaften Immanuel Kant seine neuesten Erkenntnisse über den euklidischen Raum zu offerieren und somit dessen Kritik der reinen Vernunft widerlegt, in der der Raum durch die eigene Anschauung geformt wird. Der sabbernde Kant kommentiert dies schlicht mit: “Wurst und Sterne”, die Gauß kaufen solle.
Auch, wenn all die naturwissenschaftlichen Fachausdrücke nicht jedermanns Sache sind, schafft es Kehlmann, gleich drei Dinge auf einmal in seinem Roman zu verpacken: Mit gut recherchiertem Wissen und unerschrockenem Witz nähert er sich den Geistesgrößen und Vordenkern der Moderne, ohne dabei an poetischem Längenmass zu verlieren. Kant, Wurst und Sterne, das ist es, was Kehlmanns Romankosmos so lesenswert macht.
Daniel Kehlmann : Die Vermessung der Welt
302 Seiten
2005, Rowohlt Verlag
€ 19,90


