Voltaire
augen auf.
Über eine Stadt wie Bonn weiß man im Allgemeinen nicht sonderlich viel – zumindest outet sich der Autor als einer derjenigen. In der ehemaligen Regierungshauptstadt leben heute über 300.000 Menschen. Fünf davon hören auf den Namen Voltaire und machen verdammt gute Musik. Deutsche Musik, falls das in der heutigen Zeit noch nicht zum Schimpfwort verkommen ist – in diesem Fall ist es eine Huldigung.

Namensgeber und Vokalakrobat Roland Meyer de Voltaire schießt sich und seine Mitstreiter katapultartig in den Äther. Er singt, sehnt, seufzt, sinniert, schreit von Flut, Asche, Sonnen, Abschied, Sehnsucht. Schönheit und Verzweiflung lagen selten so nah beieinander. Dieser Mensch hat die Metaphern mit der Muttermilch aufgesaugt. Seine Mannen stehen mit ihm im Sturm und stärken seinen Rücken oder tragen ihn durch Welten in denen jeder schon einmal gewesen ist.
augen zu. zurückspulen.
Der Zufall geht seltsame Wege. Etwas überspitzt und reißerisch ausgedrückt, könnte man sagen: Gesang und Klavier treffen sich auf einer Winterreise. Diese Reise, die natürlich auf Franz Schubert basiert und vor nunmehr fast vier Jahren stattfand, könnte den Grundstein markieren, ist aber nur eine von einigen schicksalhaften Begegnungen. Meyer de Voltaire und Konzertpianist Hedayet Djeddikar treffen sich bei einem klassischen Liederabend. Eine weitere Schicksalsmeldung könnte dann lauten: Gesang trifft Gitarre. Ebenfalls auf einer Reise. Im Zugabteil sitzen sich Meyer de Voltaire und der angehende Jazzgitarrist Marian Menge gegenüber. Rudolf M. Frauenberger, seines Zeichens Bassist und Angehöriger einer Wiener Musikerfamilie, und David Schlechtriemen, dessen Flucht in die weite Welt ihn auch schicksalhaft ans Schlagzeug setzte, komplettieren den Fünfer. Keine gemeinsame Kindheit oder Vergangenheit – der Zufall hat zugeschlagen. Also kann auch diese Klischeeschublade geschlossen bleiben. So unterschiedlich sich die Biografien lesen, so unterschiedlich sind auch die musikalischen Vorlieben der einzelnen Bandmitglieder, die von Jeff Buckley über bekannte britische Bands bis hin zu härteren Klängen reichen. Und genau diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Musik von Voltaire wider. Mit gemeinsamem Konsens versteht sich. Und da simples Namedropping schlicht und ergreifend großer Mist ist, klingen Voltaire auch einfach wie Voltaire. Der Zufall hat gesiegt.
augen auf.
Nach der überragenden EP “Flut” erblickt nun zwei Jahre später endlich das Album das Licht der Welt. “Heute ist jeder Tag” heißt es. Und es stimmt. Das hier ist viel zu schön um einfach als leiser Traum zu existieren. Das hier soll explodieren. Wer Voltaire live sehen durfte, weiß, wie sich Gefühlswelten auf der Bühne manifestieren können. Die in Rezensionen allseits beliebten Vergleiche mit anderen Vertretern dieser Gattung Musik würden nur den Eindruck von dieser großartigen Band schmälern. Nur zwei Dinge seien noch gesagt: Erstens: Auch hier hat man wieder eine Band, denen man das Blumfeld-Syndrom (starke Anzeichen von Kitsch in Wort und Musik) vorwerfen könnte, denn auch Meyer de Voltaire leidet gern und ausführlich, aber diese Diskussion wurde schon lange unter “Geschmackssache” in den Keller verbannt. Zweitens: In einer Welt in der die Sportfreunde zu unmelodisch geworden sind und Kettcar für viele Leute, die kein Wörterbuch “Kettcar-Deutsch” haben, teilweise noch zu unverständlich sind (auch hier outet sich der Autor wieder) erfinden Voltaire zwar das Rad nicht neu, aber ihr Wagen läuft wie geschmiert und erreicht Höchstgeschwindigkeiten.
augen zu. anhören.


