Körperwelten
Der neue Suhramp-Sammelband “Gendertronics” sucht den Körper in der elektronischen Musik.
“mein körper ist ein tempel, / und dieser tempel will gepflegt werden. (hippie) / mein körper ist ein tempel, / und dieser tempel muß zerstört werden. (punk) / hat jemand meinen körper gesehen? (techno)”

Ein Kalauer, sicher, aber einer, der die richtigen Fragen aufwirft. Er stammt aus Marc Weisers grandioser hate-speech, die vor kurzem mit anderen Texten im neuen vom club transmediale und Meike Jansen herausgegebenen Suhrkamp-Reader “Gendertronics – Der Körper in der elektronischen Musik” erschien.
Die Fragen, an denen sich die Essays, Aufsätze und Gespräche entlang hangeln, sind diese: Was wurde aus dem Körper, den die Vordenker der elektronischen Musik zu überwinden sich auf die Fahnen geschrieben hatten? Sind die elenden Rockismen, die immer auch zu Machismen tendieren, obsolet geworden? Und, da Körperfragen auch immer Genderfragen sind, was wurde aus der Frau in der elektronischen Musik; ist die elektronische Musik eine geschlechtslose? Was trat an die Stelle der phallischen Gitarre, wurde das – ‘tschuldigung – Gitarrengewichse durch Modulmasturbation ersetzt/erweitert?
Kurt Dahlke zitiert in seinem Text “Die Rehabilitierung des Körpers” Pascal Platinga: “But looking like I’m checking e-mail, I’m not getting any female”. Das benennt durchaus ein Dilemma: Die Live-Performances im Bereich elektronischer Musik beschränken sich heutzutage oft auf die sogenannten Laptop-Acts, bleiche Kerle (!) hinter ein paar Apple iBooks. Als Konzertgänger muss man sich die Frage schon gefallen lassen: Warum sollte man sich so etwas antun? Unsexy, baby!
Einen anderen Weg schlagen Acts wie T.Raumschmiere ein. Dessen Gigs und Line-Ups erinnern mehr an klassische Rockshows denn an mille-plateaux’sche Knöpfchendrückerei. Nie war elektronische Musik in ihrer Performanz näher an Punk als hier. Regression, baby? Dahlke sieht die Lösung dieses Problems in der Entwicklung und Etablierung neuer Interfaces zwischen Laptop und Artist, die dem Zuschauer erlauben, nicht “weiterhin auf Bildschirmrückseiten starren” zu müssen.
Die meisten Texte eint der Zweifel an der Entkörperlichung der Musik. Tom Holert betont sogar, dass der Akt des Ent-Körperns durchaus nicht zwingend einem feministischen Standpunkt entspreche, sondern im Gegenteil diese Strategie von einigen Feministinnen als Privilegierung eines “männlich codierten Begriffs von Kultur und Technik gegenüber einer weiblich codierten Vorstellung von Natur und Körperlichkeit” verstanden würde. Alles Quatsch also? Elektronische Musik als männlich codierte Technik, als Fortführung des ROCK! mit anderen Mitteln?
Ein Blick mit Holert in die Szene-Magazine von de:bug bis Wired scheint dies zu bestätigen: Nach wie vor blicken einen Gesichter von den Covern an, der totgeglaubte Star erfreut sich bester Gesundheit, der Leichengeruch war bloß Einbildung. Und selbst Künstler wie Matthew Herbert oder Rythm & Sound können sich nicht entziehen. Versuchen sie es doch, festigt die “Pose des Sich-Entziehens” doch nur ex negativo die Virulenz des Star-Körpers.
Olaf Karnik stellt in seinem Text über Musikvideos im Allgemeinen und Chris Cunningham im Besonderen eine andere Diagnose. So seien die Repräsentationen des Körpers in den Videos der 80er Jahre bis heute zahlreichen Deformationen unterworfen und nicht auf “Körper: ja” oder “Körper: nein” festlegbar. Von der Selbstvervielfältigung im Video der 80er (Herbie Hancocks “Rock it” und PSBs “Opportunities”) über die “Spielfilmisierung”, bei der die Musik gänzlich in den Hintergrund tritt (Aphex Twins “Windowlicker” aber auch schon Michael Jacksons “Thriller”) bis hin zu Mensch-Maschine-Relationen, die an die Stelle des Menschen oder des Roboters eine cyborgisierte Ich-Maschine stellen (Björks “All is Full of Love”) sei die Körper(re)präsentation nie eindeutig.
In letzter Zeit aber scheinen sich vor allem zwei Richtungen behaupten zu können: Die gänzliche Abwendung von körperlich-narrativen Clips hin zu vektorbasierten Abstrakten hier und die Zerstörung des “echten”, humanen Körpers dort. Letzteres besonders prägnant bebildert durch Cunninghams Clip “Afrika Shox” (Leftfield feat. Afrika Bambaataa) und im Mainstream angelangt durch Robbie Williams’ Körperdekonstruktion in “Rock DJ”.
Also: Body matters (no more)!? So einfach ist es selbstverständlich wieder mal nicht. Der Reader bietet Ansätze zu Antworten und vor allem – nochmals – stellt er die richtigen Fragen. Vielleicht, so beschleicht mich nach der Lektüre das Gefühl, vielleicht spielt das alles in den Momenten um drei Uhr morgens im Stroboskopgewitter eines verrauchten Clubs aber auch gar keine Rolle. Oder, wie Miss Kittin ihren Text beschließt: “You can philosophize forever, you will never find the words. When was the last time you sweat on a dance floor?” Auch so eine Frage…
club transmediale / Meike Jansen : Gendertronics – Der Körper in der elektronischen Musik
2005, Suhrkamp
€ 9,-
Weitere Beiträge zum Gendertronics-Projekt unter www.clubtransmediale.de.


