Werner Köhler : Cookys
Essen, Trinken, Männer
Dass das Essen an sich und dessen Zubereitung ein beliebter Stoff in Literatur und Film ist, wenn es darum geht, darzustellen, was Leib und Seele zusammenhält, weiß man spätestens seit Grass’ “Blechtrommel” oder den “Korrekturen” von Jonathan Franzen. Und dass ein Leben in einer eingeschworenen Restaurantclique seine Vor- und Nachteile haben kann, wenn man versucht, ein geregeltes, aber nicht allzu bürgerliches Leben zu führen, haben uns “Rossini” und “Herr Lehmann” in ihrem jeweils ganz eigenem sozialen Umfeld gezeigt. Die Gastro-Szene und das professionelle Zubereiten köstlicher Speisen ist also ein wunderbares Setting, um einerseits den unkonventionellen Lebensstil der meist unglücklich verliebten, trinkenden Meisterköche darzustellen und andererseits um genau diese Leidenschaft für das Kochen als Ersatzbefriedigung für Annerkennung und Rückhalt zum Mittelpunkt der Roman bzw. Filmhandlung zu machen.
Werner Köhlers “Cookys” reiht sich in diese Tradition ein und tut das auf so eine authentische Weise, dass einem aus zwei Gründen das Wasser auf die Buchseiten tropfen kann: Gert Krüger, genannt Cooky, ist der Ich-Erzähler dieses Romans und er berichtet – ausgehend von dem plötzlichen Selbstmord seines Freundes Tom im Jahre 1980 – von seiner Jugend in den siebziger Jahren, selbstverständlich mit allem was an Drogen, Musik und männlicher Pubertät dazugehört. Immer wieder springt die Handlung hin und her zwischen den Kapiteln mit der Überschrift “Requiem”, in dem Cooky bereits ein erfolgreiches Feinschmecker-Restaurant in Aachen führt und den retrospektiv erzählten Abschnitten im Stil von “wie es dazu kam”. Dabei werden sowohl die abenteuerlichsten Gerichte zubereitet, als auch eine sehr bewegende und bewegte Geschichte eines Menschen erzählt, der ohne das Kochen, die Musik und seine Freunde verloren wäre.
Das Abschlusskapitel schließlich erinnert an Ang Lees Film “Eat drink man woman”, in der ein Familienvater versucht, über das Kochen den Verlust seiner Geschmacksnerven zu kompensieren, darüber aber seine Töchter völlig aus den Augen verliert: Auch Cooky muss einsehen, dass er zu einem “Geschmacksdiktator” geworden ist und außerdem einen ausgemachten Kontrollfimmel hat. Am Ende des Romans – dem Tag der Beerdigung – kocht die ganze Crew ein Menü, welches den Charakter des gemeinsamen Freundes wiedergeben soll und diese Kreation ist bestimmt der schönste Totenschmaus, den man sich für Menschen wie den verrückten Tom wünschen kann.
Die ambitionierte, achronologisch erzählte Geschichte und die Verarbeitung einiger großer Sujets in Literatur und Film – Erwachsen werden, Essen und Sterben – retten über ein paar tote Punkte hinweg, die durch allzu großen Detailreichtum entstehen. “Cookys” ist ein Roman für Feinschmecker, verregnete Sommertage und Menschen, die ihre Freunde zu schätzen wissen.
Werner Köhler : Cookys
Roman
2004, Kiepenheuer und Wisch, Köln
€ 9,90


