Rotkäppchen revisited
Nicole Kassell wagt sich mit “The Woodsman” an ein Tabuthema: Den Kampf eines Pädophilen mit sich selbst.
“Was ist das Schlimmste, das du je in deinem Leben gemacht hast?” fragt Walter seine neue Freundin. Sie habe mit dem Mann ihrer besten Freundin geschlafen, antwortet sie, noch heute fühle sie sich furchtbar, wenn sie nur daran denke. Walters schockierende Antwort auf ihre Gegenfrage: er hätte junge Mädchen belästigt. Zwölf Jahre lang saß er im Gefängnis, vergeben wird man ihm nie. Nicht nur mit dem Blick von außen hat der Verurteilte zu kämpfen sondern auch mit den inneren Dämonen. Die Versuchung lockt ständig, selbst im Rückzugsgebiet der eigenen Wohnung: der Blick aus dem Fenster eröffnet die Sicht auf eine Grundschule.
Die Hollywood-Produktion “The Woodsman” wagt nicht nur, über einen Pädophilen zu berichten, sondern auch aus der Perspektive des Täters zu erzählen, einem “Helden”, der eindeutig keine Identifikationsfigur darstellt; ein Held, dem man nicht vergeben wird; dem man weder Mitleid noch Sympathie entgegen bringen mag. Die in kühles Blau gehaltenen Bilder versuchen Distanz zu halten und zeigen einen eingeschüchterten Mann, der sich am liebsten in Luft auflösen würde; der sich zwischen der Rolle des “bösen Wolfes” und der des “guten Jägers”, des “Woodsman” bewegt. Auf “Rotkäppchen” weist das Drama vielfach hin, eine sprichwörtlich märchenhafte “und sie lebten glücklich…”-Lösung ist naturgemäß nicht so einfach. Kevin Bacon spielt seine Rolle hervorragend, und Nicole Kassell gelingt es mit ihrer Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Steven Fechter ein eigenständiges Werk zu schaffen.
The Woodsman
USA 2004
Regie: Nicole Kassell
Mit Kevin Bacon, Kyra Sedgwick, Mos Def
Verleih: Tobis Film
87 Minuten
Derzeit im Kino


