Matthew Dear : Zwischen Rave und Sofaflur
Songhafter Detroit-Techno mit Gesang? Dies beschert uns der neue US-Techno-Darling Matthew Dear auf seinem Debütalbum. Sven Väth nimmt seine Platten bereits länger in seine Sets auf und das ist als außerordentliches Kompliment gemeint.
Ganz aktuell ist das Thema zwar nicht mehr, aber die Euphorie, die im November letzten Jahres mit dem Release von Matthew Dears Debütalbum “Leave Luck To Heaven” aufkam, ist noch so warm, dass wir nicht anders können.

Der Anfang 20jährige Matthew Dear hat sich innerhalb des letzten Jahres zu einem der großen Detroit-Techno-Produzenten entwickelt. Mehrere EPs plus das Debütalbum “Leave Luck To Heaven” haben ihn und sein Heimatlabel Ghostly Records samt dessen Sub-Label Spectral Sound zu den neuen Most-Wanteds gemacht. Dears Vorbilder lassen sich sowohl im Kölner Minimalismus als auch in seiner Heimatstadt finden. Dazu kommt allerdings seine Vorliebe für Popappeal. Gerade sein Album ist kaum mehr trackorientiert. Mit Gesang und mehr als latent spürbaren Songstrukturen, hat Matthew Dear eine sehr frische Definition von Pop und Techno. Zwischen Straightness und Minimalismus ist die Funkyness selten so einnehmend und lebendig hervorgekommen, wie bei seinen Stücken.
Ursprünglich spielte der gebürtige Texaner als Gitarrist in Bands. Als er für sein Studium nach Detroit übersiedelte, kam er mit Techno in Kontakt. Dear war von dem Ausmaß der Technoszenen fasziniert: riesige Veranstaltungen mit hunderten von Menschen, wie man er bislang nur von Mainstreamkonzerten kannte. Danach setzte er sich musikalisch ausschließlich mit Minimal-Techno auseinander, lernte deutsche Labels wie Kompakt oder Perlon zu lieben und brachte schließlich Sam Valenti dazu, dessen lang gehegte Idee eines Labels zu verwirklichen. Ghostly International entstand mit der ersten EP “Hands Up For Detroit” von Matthew Dear. Später folgte mit Spectral Sound ein Sublabel und die stilistische Unterteilung in experimentellere (Ghostly) sowie straighere, technoidere (Spectral) Musik. Matthew Dear selbst ist bei dem mittlerweile weithin renommierten und erfolgreichen Labelverbund im Vertrieb tätig. Die Intention von Ghostly/Spectral und somit auch Matthew Dear ist eine Art Reaktion auf die Reaktion von Europa auf Detroit-Techno. Sprich: Dear ist sich den Wurzeln seiner Wahlheimat bewusst, schaut zudem aber auch darauf, was Europa aus diesem Sound für sich herausgeholt hat. Und so ist sein Album “Leave Luck To Heaven” so etwas wie ein Manifest der Detroit-Köln-Berlin-Tangente. Treibend und doch verspielt. An manchen Stellen wehmütig, fast düster, an anderen unermüdlich und lebensbejahend. Sauber und rotzig zugleich. Matthew Dear verbindet viele Dinge, die vielen Menschen gerade sehr wichtig sind, ohne zwingend darauf aus zu sein. Trotz alledem wirkt er zurückgezogen und ausgeglichen.
In Europa wurde er vor seinem eigentlichen Debütalbum unter dem Pseudonym False zu einem Begriff, doch erst jetzt scheint ein Level erreicht, durch das Matthew Dear in weiten Kreisen als einer der gegenwärtig spannendsten und aktivsten US-Techno-Produzenten wahrgenommen wird. Und das nur zu Recht.
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