Teenage Angst mit Anfang 20
Dieser Daniel Decker ist schon ein umtriebiges Kerlchen. Der vermutlich bekannteste Ex-Intro-Praktikant wühlt begeistert in der großen bunten Popmusik-Kiste und zieht sich dabei die schönsten Häppchen raus – so auch das kürzlich erschienene Debüt seiner Band “Pawnshop Orchestra”, in der er die Songs schreibt, singt und mindestens zwanzig Instrumente spielt.
Das Album wurde natürlich nicht auf irgendeinem Label veröffentlicht, nein – neben seinem Online-Fanzine “nillson.de” betreibt Daniel nämlich auch noch ein kleines Label namens “lolila”, auf dem das “Vaudeville” betitelte Debüt erschien. So viel zum Thema Umtriebigkeit.
Die 11 Stücke auf “Vaudeville” sind den Titeln nach zu urteilen alle in deutscher Sprache, was (zumindest mich) ein wenig abschreckt – der allgemeine Trend, einfach alles auf deutsch zu singen, hat in letzter Zeit schon so manchen katastrophalen verbalen Fehltritt hervorgebracht (Beispiele werden an dieser Stelle vermieden). Ein mulmiges Gefühl begleitet das Einlegen der CD in den Player – wird dieser sympathische junge Mann die Klippen der Peinlichkeit gekonnt umschiffen oder voll auf den nächsten Felsen halten? Dann die erleichternde Erkenntnis: Daniel hat im Texter-Segelunterricht gut aufgepasst. Manchmal wird es zwar knapp (wenn er singt “wenn du deine Kleidung ablegst / und ich deine Wunden seh / dann tun mir meine eigenen / gar nicht mehr so weh”), aber dieses Gefühl des peinlich berührt-seins, das einen manchmal bei sehr dummen Antworten in Quizshows die Augen zusammenkneifen lässt, bleibt aus. Eigentlich ist es sogar schön, mal wieder so persönliche Texte zu hören, die ohne großes Trara, Phrasendrescherei und gekünstelte Metaphern die Dinge thematisieren, die einen jungen Menschen Anfang zwanzig so bewegen: (verspätete) Teenage Angst, ein Sack voll Beziehungsprobleme und das Leben im Allgemeinen.
Begleitet von Gitarre (Daniel), Schlagzeug (Florian Dürrmann) und Bass (Andreas van der Wingen) bietet das “Pfandleihaus-Orchester” eine angenehm unmoderne und bodenständige Mischung aus Singer/Songwritertum (erinnert in den ruhigen Momenten manchmal stimmlich – ohne zu hoch greifen zu wollen – an einen leicht schrägen Tom Liwa), Folk und frühen bis mittleren Tocotronic. Dabei wirkt die zweite Hälfte des Albums etwas ausgereifter, sowohl musikalisch als auch textlich. Wo es am Anfang noch holprig und unsicher klingt, entwickeln sich gegen Ende wunderbare kleine Stücke wie “Blumen begreifen”, das mit Glockenspiel aufwartet, das Country-Folk-Pop-lastige “Gebt mir etwas” oder das Titelstück “Vaudeville”, ein angejazztes Instrumental. Man muss sich einfach etwas Zeit nehmen und sich darauf einstellen, mehr über das Innenleben dieses Fremden zu erfahren, als von so manch einem Freund. Aber so charmant, wie Daniel seine Geschichten erzählt, hört man ihm gerne zu.
Die Texte sind über die letzten vier Jahre hinweg entstanden, wobei Daniel das letzte für die Platte geschriebene Stück “Auf unbestimmte Zeit” als Wegweiser für das sieht, was in Zukunft folgen wird: Die neuen Texte seien weniger Ich-bezogen und eher auf einer “Wir-Ebene” zu sehen, “und das meine ich jetzt nicht mal beziehungstechnisch, sondern “Wir” als Gemeinschaft. Die Hälfte des neuen Albums ist schon fertig geschrieben, und einige Stücke spiele ich auch schon live…” sagt er und wühlt mit beiden Händen weiter in der Popmusik-Kiste.


